Eine leichte Brise ist aufgekommen, jetzt, wo die Sonne sich anschickt, sich hinter den Horizont zu neigen, und ein Frösteln in meinen Fingerspitzen macht mich darauf aufmerksam, wie zeitlos lange ich hier gesessen bin, am Rande der Plattform versunken in Betrachtung dieser Bögen; versunken im Versuch jeden einzelnen von ihnen zu erfassen, und gleichzeitig sie alle im Gesamten — und wie ich daran gescheitert bin, wirr in Gedanken, hypnotisiert von ihrer Aufragung einer über dem anderen, in ihrer Anordnung in Reih und Glied, keinem gestattet sich hervorzutun gegenüber den anderen, um als Blickfang, als Einladung zum Eintritt zu dienen.

Und steif meine Glieder, als ich mich erhebe und anschicke, eine weitere Runde um diesen Kubus zu drehen, der mir von jeder seiner vier Seiten immer das ewig gleiche Gesicht zeigt, kalt und pur; und dennoch, nicht entziehen kann ich mich seinem Bann, auch nicht nach der dritten Runde, magisch zieht mich der Bogenklotz in seine Kreise — schon längst als lästig ignoriert das beständige Vibrieren meines Telefons, belanglos mir mittlerweile die Nachrichten meiner Reisegefährtin, die zu anderen Treffpunkten mahnt, Aufbruchspunkten zu neuen Abenteuern, Petersdom und Engelsburg bei Nacht!

Nein, hier werde ich satt, im Herzen den Rest von Rom bereits zum Abklatsch abgekanzelt.

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Als ob ich nicht wüsste, wofür dieser unwirkliche Koloss ursprünglich stehen sollte, als Huldigung für eine zukunftsträchtige Ideologie und ihrer jahrtausendalten Berechtigung, deren Untergang sich bereits beim Beginn des Baus abzuzeichnen begonnen hatte und die seine Fertigstellung nicht einmal mehr erleben sollte. Die Ideologie in seiner Menschenverachtung hat die Geschichte mit sich in den Abgrund gerissen, das Kunstwerk in seiner Fragwürdigkeit steht immer noch da; und ich vor ihm, achtzig Jahre später.

Und meine Gedanken wandern zu den Architekten eben diese achtzig Jahre vor mir, die im Sog des italienischen Faschismus diesen Tempel der Selbstbeweihräucherung der italienischen-römischen Zivilisation entwarfen und die sich auch nicht zu schade waren, den Namen von Benito Mussolini in der Anzahl der Bögen zu verewigen — waren auch sie geblendet von der Zukunftsverheißung ihrer Zeit? Oder lag in ihrer Architektur des Razionalismo nicht auch etwas Subversives, etwas über den plumpen Faschismus Hinausgehendes, das es mir gestattet, mich von der Purheit dieses Gebäude so in seinen Bann ziehen zu lassen?

Allerdings, wie hatte es ein Freund von mir einmal so treffend formuliert: »Wenn es dir vergönnt sein sollte, mit einer Zeitmaschine auch nur hundert Jahre in die Vergangenheit zu reisen, würdest du in jener Welt keine fünf Minuten überleben.«

Und im zweiten Gedankenzug bin ich mir im Klaren, dass ich mich nie zu einer Recherche über die wahre Gedankenwelt der Architekten herablassen werde, nicht einmal, wer sie waren und wie sie hießen, dass mir von der Geschichte an die Macht gespülte Diktatoren und die ganze politische Betroffenheit zum Buckelrutschen ist; mir, achtzig Jahre später, in einer Welt, in der sich all die Ideologien gegenseitig am Zahn der Zeit aufgerieben haben und nur der Kapitalismus als einzige Ideologie heimlich und trocken uns in die Knochen gekrochen ist, ohne sich großartig als solche zu erkennen gegeben zu haben — und dass dieser Palazzo mir den Atem raubt, wie kaum ein anderes Gebäude auf all meinen Reisen zuvor in diesem Jahr.

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Und dennoch, kommt mir zu Bewusstsein, während ich meinen Blick die Gebäudekante nach oben gleiten lasse, Schönheit ist nicht das Wort, das ihm gerecht wird, und eine Zeitlang ringe ich nach dem richtigen Begriff, bis ich ihn stumm über meine Zunge rollen lassen kann: perfekt.

Und ein Lächeln kommt mir über die Lippen, weil ich ihn getroffen habe, denn wahrlich perfekt ist dieser Bau. Ähnlich perfekt wie vielleicht die Cheopspyramide, schießt mir in den Sinn, kurz nach ihrer Fertigstellung, denn perfekt war ihr Anspruch, perfekt wie es sich für eine Gottheit gehört, Schönheit im Sinne von Kunst nebensächlich; und ein Tempel der Perfektion ist auch dies hier, der Glaube und die Sehnsucht nach der Perfektionierung der Menschheit in der Welt der Moderne, der Zukunft — so sehr, wird mir mit einem Mal schmerzlich einsam bewusst, dass ein Gesicht ich dir abringen möchte, und wenn es nur ein Stück Moos in einer Kante ist, das dir entwächst.

Erst mit Hören von Schritten hinter mir merke ich, wie sich meine Gedanken aufgesplittert haben zu zehnt, zu hundert, zu tausend, wie eine Armee, die gegen sich selbst antritt, in all ihrem Gewusel, deren Fäden ich nicht mehr zu Ende bringen vermag; und dass ich mich erneut erschöpft auf den Stufen niedergelassen habe, trotzdem der Stein sich mittlerweile unangenehm kühl anfühlt.

»Sitzt du noch immer da, vor diesem Klotz?«

Meine Reisegefährtin ist es, die vor mich getreten ist, gekommen, um mich aufzulesen — und ihren Blick kurz und belanglos über die Fassade schweifen lässt.

»Weißt du, was diesem Ort fehlt?«

Dann steckt sie die Hände trotzig in ihre Jacke und beantwortet die Frage an meiner statt.

»Menschen.«

Was mich dazu veranlasst, die Kamera aus der Tasche zu nehmen und sie ins Visier zu nehmen. Und während ich mit dem Sucher ihr Gesicht an mich heranziehe, sind es ihre warm leuchtenden braunen Augen, die mir heute Abend noch pasta, vino, und sofern die Sterne gut stehen, amore verheißen …


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